Erwartungen an Hotels, Hotelmarketing, Hotels

Die Macht der Worte

„Sprache hat einen verblüffenden Einfluss auf das Denken: Andere können uns durch Wörter subtil manipulieren, und unsere Muttersprache beeinflusst sogar, wie wir die Welt sehen.“ Schreibt die Zeit in einem Bericht von 2012 und wahrlich sind die Beispiele beeindruckend.

Ob wir den Einfluss der Sprach überhaupt mitbekommen, sei dahingestellt. Studien zeigen, dass Brot besser schmeckt, wenn wir dazu das Prädikat „nach Großmutters Rezept“ oder „traditionell“ lesen. Auch „exotisch“ lässt Getränke angeblich gleich viel frischer schmecken. Die viel gelobte objektive Wahrnehmung lässt sich durch die Werbung also auch gehörig in die Irre führen.

Die Macht der Worte

Und hier noch ein viel stärkeres Beispiel, das die Macht veranschaulicht: Der in der EU-Innenpolitik virulente Begriff des „Euro-Rettungsschirms“ wird im Englischen als „bail out“ bezeichnet. „To bail out“ beschreibt zwar ebenfalls eine Rettung durch Dritte, kann aber genauso gut auch jemanden aus der Patsche helfen oder gegen Kaution aus dem Gefängnis holen bedeuten. Die Assoziation, der Staat wäre in unrechtmäßige Machenschaften verwickelt, liegt hier also viel näher, als im deutschen Ausdruck eines Rettungsschirms, der eine vollkommen neutrale und damit passive Notsituation suggeriert. Sie sehen, wie stark Worte und ihre Bedeutung in verschiedenen Sprachen variieren und damit etwas ganz anderes ausdrücken können? Doch was hat das alles mit Hotels zu tun? Sehr viel.

Hotels und Sprache

Unlängst in einem schönen 4-Sterne Hotel stolpere ich über dieses Schild in der Hotelbar: „Liebe Gäste! Dieses Klavier ist ein besonders wertvolles Stück – nur für den professionellen Gebrauch gedacht. Bitte beachten Sie, dass das Klavier kein Spielzeug darstellt! Wir danken für Ihr Verständnis.“

 

Auf den ersten Blick ein sehr harmloser Aufsteller und doch hat mich der ungemütliche Nachgeschmack zum Grübeln gebracht. Sehen wir uns die Sätze und ihre Aussage also im Detail an:

Belehrung, Verwarnung, Aufforderung

„Dieses Klavier ist ein besonders wertvolles Stück“ – eine sehr starke Aussage und eine Belehrung, die ausdrückt: Wir nennen dir, lieber Gast, den Wert des Klaviers, denn du würdest ihn nicht erkennen. „Nur für den professionellen Gebrauch gedacht“ – heißt, wage es nicht, darauf zu spielen, wenn du kein „Konzertpianist“ oder von uns engagiert bist → eine eindeutige Verwarnung.

„Bitte beachten Sie, dass das Klavier kein Spielzeug darstellt!“ – also halte lieber Gast auch deine Kinder davon fern  → eine Aufforderung. Und zum Schluss wird noch für das Verständnis gedankt. Sprachwissenschaftler sitzen jetzt schon auf der Palme: Wie kann man für etwas danken, wenn man nicht weiß, ob der andere bereit ist, dafür auch Verständnis zu zeigen. Diesen Satz lassen wir aber mal außen vor.

Würde man die ungemütliche Atmosphäre aus Belehrung, Verwarnung und Aufforderung weglassen, könnte man es in aller Kürze auch so formulieren: „Bitte nicht berühren.“ Dieser Satz wäre viel klarer, deutlicher und zugleich auch angenehmer.

Einfluss auf die Atmosphäre

Auf den ersten Blick können solche Details wie eine unwichtige Kleinigkeit erscheinen, in Wahrheit aber kann alleine dieses Schild die gesamte Atmosphäre eines Hotels widerspiegeln bzw. für den Gast transportieren.

Während meines Aufenthalts habe ich noch dutzende solcher Kleinigkeiten gefunden und im Prinzip hat man für den Gast unterbewusste „Benimmregeln“ etabliert, die eine lockere Atmosphäre steif und unentspannt werden lassen. Ich würde sogar so weit gehen und diesen unlockeren Kommunikationsstil (findet sich an vielen Stellen im Hotel wieder) als einen möglichen Grund für die geringe Frequenz in der Hotelbar zu betrachten.

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